Die Erhabenen: Kaiser Augustus und Mark Zuckerberg

Im Magazin “The New Yorker” spricht Mark Zuckerberg über seine Bewunderung für Kaiser Augustus. Was fasziniert den Milliardär aus dem Internet-Zeitalter an einem längst verstorbenen Herrscher der Antike?

Mark Zuckerberg in Rhetor-Pose. Quelle: Anthony Quintano, Honolulu, HI, United States (Mark Zuckerberg F8 2018 Keynote) [CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
Zuckerberg: “Basically, through a really harsh approach, he established two hundred years of world peace.” Und weiter: “that didn‘t come for free, and he had to do certain things.”

Gewisse Dinge, ja, so kann man das formulieren. Augustus, der als Erbe adoptierte Großneffe Caesers, kam schon in sehr jungen Jahren an die Macht. Nach der Ermordung Caesars regierte Chaos das von Bürgerkrieg heimgesuchte Römische Reich. Mit wechselnden Verbündeten setzte sich Octavian, so der eigentliche Name von Augustus, am Ende durch – nach blutigen, rücksichtslosen Kämpfen.

Besonders blutig war die Verfolgung der zu Staatsfeinden erklärten politischen Gegner. Nach Caesars Tod bildete im Jahr 43 v. Chr. Octavian zusammen mit Marcus Antonius und Marcus Aemilius Lepidus das zweite Triumvirat. Das Machthaber-Trio regierte Rom mit Schrecken und Gewalt. Sie veröffentlichten so genannte Proskriptionslisten: Die Männer auf dieser Liste wurde als vogelfrei erklärt, sie durften also ohne Strafe getötet werden und ihr Vermögen fiel dem Staat zu – eine sehr bequeme Methode, die Staatskasse aufzubessern. 2300 Menschen sollen dem Gemetzel zum Opfer gefallen sein.

Entsetzen lösten in der Antike auch die Geschehnisse im Perusinischen Krieg (41–40 v. Chr.)  aus. Dieser Krieg entwickelte sich aus einem Konflikt um die Versorgung von Veteranen. Octavian kämpfte gegen den Konsul Lucius Antonius, einem Bruder des einstigen Augustus-Verbündeten Marcus Antonius. Lucius verschanzte sich in der Stadt Perusia (heute Perugia). Octavians Soldaten nahmen die Stadt schließlich ein. Die Strafe für Perusia war fürchterlich: Der Stadtrat, über 300 Senatoren und Ritter, wurden exekutiert. Eine Begnadigung lehnte Octavian ab.

Mann mit zwei Gesichtern

Kaiser Augustus im frühen Hoodie. Quelle: Wikimedia Commons

Als Octavian endlich an der Macht war, wandelte er sich zu Augustus (wörtlich der Erhabene). Der Name wurde ihm als Ehrentitel zuerkannt, der Nachwelt blieb er mit diesem Titel im Gedächtnis. Mit dem Namen verbindet sich der Beginn einer neuen Epoche, die pax augusta. Unter Octavian als Augustus kehrte Frieden ins Römische Reich ein. Kultur und Literatur erlebten eine Blüte. Die augusteische Epoche gilt als Goldenes Zeitalter der lateinischen Kultur.

Der zu Kriegszeiten rücksichtlose Schlächter wandelte sich zum Moralapostel. Augustus verordnete den Römern strenge moralische Vorschriften. Die Ehe wurde für heilig erklärt, Ehebruch zum schweren Verbrechen. Der Kaiser sah sich als Tugend-Vorbild. Auf propagandistischen Bildnissen ließ er sich gottgleich darstellen, erhaben, die Miene beherrscht.

Sieht Zuckerberg etwa darin ein Vorbild? Als der Facebook-Gründer im April 2018 vor dem amerikanischen Kongress zu den jüngsten Datenskandalen befragt wurden, wunderten sich viele über sein roboterhaftes Auftreten. Auch bei anderen Anlässen wird bei Zuckerberg ein Mangel an Emotionen bemängelt. Ein Versuch, in der Öffentlichkeit erhabene Würde zu zeigen?  Die Antike ist nicht nur im Silicon Valley populär. Emmanuel Macron inszeniert sich gerne als Jupiter, um dem Präsidentenamt mehr Würde zu verleihen.

Eindeutiger zeigen sich Gemeinsamkeiten in Bezug auf den Willen zur Macht. Der Facebook-Campus, die Zentrale, wird im „New Yorker“ als kleine Diktatur beschrieben, eine Stadt für sich, in der es nur einen König gibt: Zuckerberg. Dabei herrscht “Zuck” tatsächlich über ein viel größeres Reich, ein wirkliches Weltreich. Facebook verzeichnet über zwei Milliarden Nutzer, die sich mindestens ein Mal im Monat einloggen. Und Facebook herrscht nicht einfach über deren Daten, das System versucht auch, die Gehirne, die Gedanken und Gefühle zu beherrschen.

Kritiker beschreiben Facebook als riesige Manipulationsmaschine. Das bezieht sich nicht nur auf politische Ansichten, sondern auch auf die Psyche. Das Netzwerk soll süchtig machen, kritisieren Experten. Die verschiedenen Funktionen, Aktualisierungen und Benachrichtigungen von Facebook sprechen das Belohnungssystem im Hirn an, das Suchtverhalten beeinflusst. Das Netzwerk ist gezielt darauf ausgelegt, die Aufmerksamkeit der Nutzer zu fesseln und diese in der virtuellen Welt festzuhalten. Über den Einfluss von sozialen Netzwerken auf Depression und weitere psychische Krankheiten wird unter Experten heftig diskutiert. Und der Herr der riesigen Psychomaschine ist ihr Erfinder Zuckerberg.

Ein alter Freund Zuckerbergs gibt an, Mark habe sich schon immer zu Höherem berufen gefühlt, als einer, der Geschichte schreibt. Auch das hat er mit dem jugendlichen Octavianus gemeinsam, der nach Caesars Tod seine Stunde gekommen sieht, Geschichte zu schreiben. Beide haben ihr Ziel erreicht. In die Geschichte des 21. Jahrhundert wird Zuckerberg mit Facebook auf ewig eingeschrieben bleiben. Beide haben Opfer gebracht, um ihr Ziel zu erreichen. Augustus ist dabei über zahlreiche Leichen gegangen.

Facebook nimmt vieles in Kauf, um das Wachstum des Netzwerks zu sichern. Skandale versucht Facebook zuerst einmal auszusitzen. Verkaufte User-Daten, obszöne und gewaltverherrlichende Videos, Fake-News – Facebook glaubte sich lange Zeit zu erhaben, um solche Kleinigkeiten ernst zu nehmen. Widerstand regt sich zwar zunehmend. Doch ein Ende des virtuellen Weltreichs von Mark Zuckerberg ist noch lange nicht abzusehen. Und so thront der erhabene Zuckerberg weiterhin über seinen digitalen Untertanen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.